von
Gabriele Busmann, III. Dan Quan Dao
Als Boddhidharma, ein buddhistischer
Mönch aus Indien, im 6. Jhd. in China ankam und dort jahrelang in völliger Abgeschiedenheit
auf der Suche nach spiritueller Erleuchtung meditierte, entdeckte er die Notwendigkeit,
nicht nur den Geist, sondern auch den Körper durch Übungen zu stärken. Er entwickelte
ein System von Übungen und Bewegungsabläufen, zu denen z.B. die Qi Kung Übungen
gehören, das die Grundlage des Shaolin Kung Fu und aller späteren Kampfkunstschulen
bildet.In dieser Tradition ist es das höchste Ziel der Kampfkünste, eine Kunst
des Friedens zu sein und durch Schulung von Körper und Geist einen harmonischen
Einklang zu erlangen.Auf der Suche nach Frieden und innerer Ruhe zeigt das Quan
Dao Kung Fu einen Weg, auf dem wir üben können, auch in schwierigen Lebenssituationen
Ruhe und Gelassenheit zu bewahren und inneren Frieden zu finden. In den
traditionellen chinesischen Philosophien des Taoismus und Konfuzianismus wird
seit jeher eine enge Verbindung von Körper und Geist gesehen.Die Wechselwirkungen
von Körper und Geist werden im Quan Dao durch die Arbeit an verschiedenen Formen
und Übungen erfahren. Dazu gehört Atem- und Energiearbeit, Körperübungen, Kampf-
und Bewegungsdialog, Formenarbeit und die Meditation.
Zur Kampfkunst
gehört untrennbar die Fähigkeit zur Sammlung, Konzentration und Zentrierung. Um
diese Fähigkeit ausbauen zu können, muss ich beständig üben. Deshalb werden die
Kampfkünste als Weg bezeichnet.Die meditative Bewegung und die sitzende Meditation
ist in den Kampfkünsten ein Weg, um zur Ruhe und Stille zu finden, achtsam und
präsent im Augenblick zu sein, mir und anderen mit Offenheit und Anfängergeist
zu begegnen und um die Absicht zu schärfen. Meditation kann laut Lexikon viele
Bedeutungen haben: Kontemplation, Sammlung, Konzentration, Zentrierung, Öffnung
und im religiösen Sinne auch Hinwendung zu Gott und Hingabe. In der Meditation
und in der meditativen Bewegung ist der Atem das Bindeglied zwischen Körper und
Geist. Interessanterweise wird in der Schöpfungsgeschichte der Bibel der Odem
Gottes, also sein Atem, den Menschen eingehaucht und erweckt sie zum Leben. Der
Odem, Atem steht also auch dort für den Geist. Die “passive“ Bewegung des Atems
vollzieht sich ohne mein bewusstes Zutun mein ganzes Leben lang. Und mein Atem
begleitet mich vom ersten bis zum letzten Atemzug. Der
Atem ist in der Meditation einerseits das Objekt der Aufmerksamkeit und andererseits
auch die Verbindung zwischen körperlicher und geistiger Bewegung. Im Alltag folgt
der Atem im allgemeinen dem Rhythmus der Bewegung, was man besonders bei intensiver
sportlicher Betätigung beobachten kann. In der meditativen Bewegung folgt die
Bewegung eher dem Atem und passt sich dem Rhythmus des Atems an. In der
meditativen Bewegung schwingen sich Körper und Geist durch die gleiche Aufmerksamkeitsrichtung
aufeinander ein und können in der Konzentration auf die Bewegung miteinander in
Einklang kommen. Indem Körper und Geist dem Atem folgen, entsteht eine Konzentration
auf das Tun und damit auf den gegenwärtigen Moment. Meditation im Sinne
von Achtsamkeit beim Ein- und Ausatmen, lässt sich an jedem Ort und zu
nahezu jeder Zeit praktizieren. Beispielsweise kannst Du bei Dir selbst feststellen,
dass Du schon durch das Aneinanderlegen der Handflächen Deine Aufmerksamkeit
und Achtsamkeit erhöhst. Indem ich meine Hände zusammenführe, sie in die Mitte
und zur Ruhe bringe, zentriere ich mich. Gleichzeitig kann ich durch die Zentrierung
der Aufmerksamkeit Körper und Geist in Einklang bringen. Wenn
Du möchtest, kannst Du jetzt das Lesen dieses Textes für eine kurze, einfache
Übung unterbrechen, um Meditation zu üben: Setze
Dich aufrecht hin. Lege die rechte Faust in die linke offene Hand. Konzentriere
Dich auf Deinen Atem. Beobachte wie Dein Atem
ein und ausfließt. Bleibe mit Deiner Aufmerksamkeit bei Deinem
Atem. Wenn zwischendurch Deine Gedanken abschweifen, komme immer wieder zurück
zum Atem. Beobachte, wie die Luft beim Einatmen von außen durch Deine Nase in
Deinen Körper einfließt und beim Ausatmen dann wieder von innen aus dem Bauch
über die Brust durch die Luftröhre und Nase heraus fließt. Generell
lässt sich sagen, dass sich der meditative Aspekt des Quan Dao Kung Fu darin zeigt,
dass Atem und Bewegung auf natürliche Weise miteinander verbunden sind. Die verschiedenen
Atemmeditationen im Quan Dao verfolgen das Ziel, jeden einzelnen Schritt einer
Bewegung mit Achtsamkeit auszuführen und sich so der Bewegung ganz hinzugeben,
mit ihr „eins zu werden“. Mit Hilfe der 5 Atemmeditationen sowie meditativen
Bewegungen wie z.B. den Grundübungen der Kraft und der Herzmeditation beobachten
wir den eigenen Atem und die Verbindung von Atem und Bewegung. Dadurch machen
wir uns unseren Atem zum Freund, können eigene Atemmuster zunehmend besser verstehen
sowie den Atem in Einklang mit unseren Bewegungen bringen. Die Hauptrichtung
für das Üben ist das Sinken des Atems zum unteren Zentrum, dem unteren Dan Tien.
Das Sinken des Atems nach unten hat zudem eine positive gesundheitliche Wirkung
und führt zu einer vermehrten Ladung des Körpers mit Qi, der Lebensenergie. Somit
ist der Atem ist auch eine Brücke zur Qi-Energiebewegung durch den Körper. Wir
können die Qi-Energie durch unsere Vorstellung bewegen. Durch das Sinken des Atems
und durch das Sinken des Geistes zur Mitte entsteht Zentrierung. Der Atem wirkt
auf den Geist, der Geist wirkt auf den Atem. Zum Abschluss möchte ich Euch
eine alte buddhistische Weisheit mit auf den (meditativen) Weg geben:
„Dein Atem ist Dein bester Freund, wende Dich in allen Sorgen und Nöten
an Ihn und Du wirst Trost und Führung finden.“ Zur Autorin:
Gabriele Busmann, 3. Dan Quan Dao, Jahrgang 1961, Dipl. Sozialpädagogin,
seit 1996 als Projektleiterin und Fortbildnerin im pädagogischen Bereich tätig.
Sie unterrichtet seit 2002 als Quan Dao Lehrerin Erwachsene und Jugendliche und
führt u.a. Fortbildungen zum Thema "Umgang mit Gewalt und Aggressionen /
Deeskalationstraining" durch. » zurück
zum Anfang
|